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Sonne im Winter

Ich sitze mit meinem Kaffe an meinem Laptop und schaue auf ein Gewusel aus ziemlich braunen und ziemlich kahlen Bäumen, die sich wie ein feingliedriger Scherenschnitt vom weißen Himmel abheben.

Es ist die paradoxe Situation, daß es jetzt im Winter oftmals deutlich heller in meinem Wohnzimmer ist, als im Sommer, wenn unzählige wedelnde Blätter das undruchdringliche Astgewirr säumen. Auch die Sonne steht dann schon sehr früh sehr viel höher und auch wenn ich ein Frühaufsteher bin, den Aufgang erlebe ich doch eher selten im Juni.

Doch jetzt kratzt sie, wenn die Wolken denn einen Bick auf sie freigeben, gerade mal an den Kronen der Bäume, sodass ihre Strahlen direkt durch die Fenster auf die Couch, den Holzboden und mich, hinter meinem Laptop, treffen und ich muss meine Augen zusammenkneifen und würde es dennoch nie wagen den Vorhang auch nur ein Stückchen vorzuziehen, ist es doch zu wunderbar im Hochpaterre echte Sonne zu erleben.

Wenn man jahrelang gegenüber nur Häuserwände und einen kleinen Teil des Lebens der Nachbarn, wenn sie im Schlafanzug in der Küche einen Kaffee brühten oder mit angezogenen Beinen auf dem winzigen Balkon ein Buch lasen, sah, so ist es wie Meditation plötzlich die Struktur des Himmels beoachten zu können.

Sicherlich, so Nachbarn können auch sehr interessant sein, doch steht man eher verstohlen hinter dem Fensterrahmen und hofft nicht beim Starren beobachtet zu werden und fragt sich doch gleichzeitig, ob nicht auch die von gegenüber manchmal das eigene Heim durch ihren Vorhang begutachteten, wenn man dies schließlich selbst auch macht.

 
So nehme ich jetzt einen weiteren Schluck Kaffee, stehe auf und stelle mich direkt an die Fenster. Meine einzigen Zuschauer winken mir sanft im Wind mit ihren knorrigen Fingerchen.

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